Siegfried Erle

Siegfried Erle kam 1878 als jüngstes Kind des Hausierers bzw. Handelsmannes Samuel und der Theresia (Rosi), geborene Kafka, in Linz zu Welt. Seine Mutter war die Tochter des Ezechiel Kafka, Beschneider und Talmudlehrer in Kalladey (Koloděje nad Lužnicí, ČR) sowie späterer Rabbiner in Miskowitz (Myslkovice, ČR). Siegfried Erle hatte zehn ältere Geschwister, eines davon wurde 1859 noch in Kalladey geboren, dann zog die Familie nach Enns, dort kamen drei weitere Mädchen zur Welt, bis ab 1864 noch sieben Kinder, einschließlich Siegfried, in Linz geboren wurden. Samuel Erle zählt zu den Gründern der Linzer Kultusgemeinde.

Das Zentrum der Familie wurde, ab dem Tod Samuel Erles 1902, eine Wohnung im zweiten Stock des Hauses Schubertstraße 29. Dieses Gebäude, das ab 1930 der jüdischen Kultusgemeinde Linz gehörte, war eine Spende des Immobilienhändlers Samuel Stern und seiner Frau Fanny. Dort lebte Siegfried Erle ab 1902 und zeitweise ein Teil seiner ledig gebliebenen Schwestern und Brüder: Ernestine arbeitete als Verkäuferin, Heinrich als Reisender bei Samuel Mostny und Julius Erle als selbstständiger Gemischtwarenhändler in Urfahr. Siegfried Erles Beruf war ebenso Reisender. Er soll sieben Jahre im k.u.k. Heer gedient haben. 1919 erhielt er seine Heimatzuständigkeit in Linz. Siegfried Erle übte seinen Beruf an der Schubertstraße 29 aus. 1927 betrog ihn sein 19-jähriger inkassoberechtigter Vertreter um eine hohe Summe, indem er die von Kundinnen und Kunden bestellte Ware statt abzuliefern im Dorotheum versetzte. Darüber hinaus ließ er sich Provisionen von gefälschten Bestellungen auszahlen. Siegfried Erle heiratete 1929 die Nichtjüdin Franziska Schreiner. Sie führte sowohl ihrem Mann als auch seinen Geschwistern den Haushalt. Zuletzt war Siegfried Erle Handelsvertreter bei Jakob Treichlinger Galanteriewaren an der Landstraße.

Mit März 1938 waren Siegfried und Franziska Erle den Verfolgungen der Nationalsozialisten gegen Jüdinnen und Juden ausgesetzt. Trotz seiner Ehe mit einer „arischen“ Frau verlor Siegfried Erle zunehmend seine geschützte Stellung. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 nahm man ihn gefangen. Schließlich drohte man Franziska Erle, sie aus dem Haus Schubertstraße 29 zu delogieren, wenn sie sich nicht scheiden lasse. Sie konnte dem Druck letztendlich nicht mehr standhalten und ließ sich einvernehmlich scheiden. Dennoch musste sie im Mai 1939 das Haus an der Schubertstraße verlassen. Ihr wurden in der Wohnung des 1938 in die Tschechoslowakei geflohenen Josef Töpfer, an der Altstadt 3, zwei Zimmer zugewiesen. Da Siegfried und Julius Erle damit ebenso obdachlos wurden, zogen sie mit in diese Wohnung. Nach der Scheidung konnte Franziska Erle ihrem Mann nicht nur keinen Schutz mehr bieten, es wurde ihr nun auch „Rassenschande“ vorgeworfen. Siegfried Erle und seinen Bruder Julius vertrieb man Ende Juni 1939 nach Wien, sie kamen notdürftig bei Jüdinnen und Juden in Untermiete unter. Selbst in dieser Phase konnte Franziska Erle ihren Ex-Mann und Schwager in Wien aufsuchen und mit Lebensmitteln und frischer Wäsche versorgen. Siegfried Erle musste aber am 7. Juni 1942 sein letztes Quartier an der Volkertstraße 25 im 2. Wiener Gemeindebezirk verlassen und in ein Sammelquartier ziehen. Von dort wurde er zwei Tage später nach Minsk deportiert. Als sein Sterbedatum gilt der 15. Juni 1942. Seinen Bruder Julius Erle deportierte man bereits 1941 in das Ghetto Kielce, wo er nicht überlebte.

(Autorin: Verena Wagner)

Zur Stele in der Denkmaldatenbank

Übersicht der Biographien