Heinrich Süss
Heinrich Zwi Süss kam 1872 als Sohn des Sigmund und der Anna Süss, geborene Frischmann, in St. Pölten zur Welt. Seine Vorfahren stammten aus Lackenbach und waren Schneider. Sigmund und Anna Süss heirateten noch dort, gingen aber wenig später nach St. Pölten, wo folgende Kinder zur Welt kamen: Leopold (1869), dann folgten Heinrich, Bernhard (1875), Samuel (1878), Alexander (1879), Julie (1880) und Leni (1884). Ein Bruder von Sigmund Süss, Max Süss, ebenso Schneider, ging bereits in den 1880er-Jahren nach Linz. Als Heinrich Süssʼ Ankunft in Linz gilt das Jahr 1886. Der erst Vierzehnjährige begann eine Lehre bei Max Bruder, der 1870 in Linz einen Lederhandel gegründet hatte. Heinrich Süss arbeitete hier über viele Jahre als „Reisender“. 1909 heiratete er das jüngste von elf Kindern Max Bruders, Irma Rivka Bruder. Damit wurde die berufliche Beziehung zur Firma Max Bruder noch durch eine familiäre verfestigt. Dem Ehepaar wurden drei Söhne geboren: 1910 Max Manfred, 1911 Peter Paul und 1913 Hans Hubert.
Der Bruder von Irma Süss, Emil Bruder, trat 1898 in das erfolgreiche Unternehmen seines Vaters ein. Nach dem Tod Max Bruders 1904 führte er das Geschäft gemeinsam mit seiner Mutter Charlotte Bruder fort. Nach ihrem Tod 1920 trat Heinrich Süss als Gesellschafter in die Firma ein und teilte sich fortan mit seinem Schwager die Anteile der offenen Handelsgesellschaft. Der Kundenstock bestand vor allem aus Gerbern, Schustern und Sattlern in Ober- und Niederösterreich, der Steiermark sowie Tirol. Neben der Schwester von Emil Bruder, Gisela Gans, stiegen im Lauf der Dreißigerjahre auch die beiden Söhne Hans und Peter Süss in die Firma ein. Heinrich Süss zählt zu den Gründungsmitgliedern des Vereins der Lederhändler in Oberösterreich. Familie Süss wohnte für längere Zeit an der Altstadt 26, bis sie 1929 an die Rainerstraße 10 übersiedelte. Innerhalb der Kultusgemeinde engagierte sich Heinrich Süss vor allem in der Chewra Kadischa, in deren Vorstand er von 1922 bis 1938 wirkte, zudem war er ab 1930 Mitglied des Bʼnai Bʼrith.
1938 konnte Heinrich Süss auf eine 52-jährige Tätigkeit im Lederhandel zurückblicken. Ab März 1938, mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, wurde seinem arbeitssamen Leben ein jähes Ende bereitet. Man entzog ihm und seinem Schwager schon in den ersten Wochen den Betrieb und setzte ihnen den kommissarischen Leiter Hans Steiner vor. Der Firma stellte man allerdings das Zeugnis einer bisher vorbildlichen Führung aus. Die rechtmäßigen Besitzer erhielten von nun an nur mehr geringe monatliche Beträge zum Lebensunterhalt. Der bereits 66-jährige Heinrich Süss und seine Frau suchten fieberhaft nach einer Fluchtmöglichkeit. Im September vertrieb man sie nach Wien, sie kamen notdürftig bei einer Schwester von Irma Süss unter. Indessen bereiteten sich ihre Söhne auf eine Flucht nach Australien vor und wollten die Eltern mitnehmen. Emil Bruder und seiner Frau gelang es im März 1939, nach England zu entkommen. Da ab August 1939 die finanziellen Beträge für den Lebensunterhalt ausblieben, bat das Ehepaar Süss verzweifelt um weitere Unterstützung aus ihrem Eigentum. Es kam noch einmal zu einem Umzug innerhalb Wiens in die Czerningasse. Im letzten Moment dürfte Irma Süss noch eine Flucht nach Australien gelungen sein, Heinrich Süss blieb allein und krank in Wien zurück. Die Geldnot wurde immer größer, Otto Unger versuchte als Vertreter der Linzer Kultusgemeinde zu intervenieren. Ende Jänner 1941 ging
Heinrich Süss nach Ungarn, ob freiwillig oder gezwungenermaßen muss offen bleiben. Er kam in der Shoah um, seine Frau starb 1958 in Melbourne.
(Autorin: Verena Wagner)