Julie Sonn
Julie Sonn kam 1870 als Julianna Pollak und Tochter des Elias und der Charlotte Pollak, geborene Pollak, in Ybbs, Niederösterreich, zur Welt. Ihr Vater entstammte einer frommen und angesehenen Familie in Butschowitz in Mähren (Bučovice, ČR). Ihre Mutter war die Tochter des Isak Pollak aus Holleschau in Mähren (Holešov, ČR) und der Betti, geborene Hochberg. Die Eltern Julie Sonns heirateten 1860 in Mähren, wenige Zeit später sind sie bereits in Ybbs zu finden, wo viele ihrer Kinder zur Welt kamen: Berta (1863), Heinrich (1864), Karolina (1866), Cäcilie (1868), dann folgte Julie, 1875 Mathilde und das jüngste Kind Malwine kam 1879 bereits in Linz zur Welt. Elias Pollak wird in Ybbs noch als Spiritushändler bezeichnet, in Linz meldete er einen Rohproduktenhandel an. Julie Sonn wuchs somit anfangs in Ybbs auf, nach dem Umzug der Familie, im Mai 1878, wurde Linz ihre neue Heimatstadt. Karoline und Julie besuchten die Bürgerschule an der Baumbachstraße. Die Lehrer beschrieben Julie Sonn als sehr fleißige Schülerin. Danach wurde sie im Beruf Kindergärtnerin ausgebildet. Ihr Vater verlegte 1891 seinen Rohproduktenbetrieb aus der Linzer Fabrikstraße nach Leonding, Landwied 5, wo er auch bauliche Veränderungen an den dort erworbenen Ställen und Lagergebäuden für seinen Handel mit Knochen, Hadern, Altpapier und Altmetall vornahm.
1892 heirateten Julie und Sigmund Sonn in Linz. Die beiden dürften sich bereits von Kindheit an gekannt haben, denn Familie Sonn war ebenso in den 1860er-Jahren aus Böhmen nach Ybbs gezogen. Sigmund Sonn ging, wie Familie Pollak, 1878 nach Linz und begann in der Firma seines späteren Schwiegervaters zu arbeiten. 1893 kam der erste Sohn des Ehepaares, Max, zur Welt und 1896 der zweite, der den Namen Oskar erhielt. Ab 1902 war nicht nur Sonn, sondern auch sein Schwager Theodor Neustadtl, der Mathilde Pollak geheiratet hatte, Teilhaber der Firma „Elias Pollak“. 1908 verlor Julie Sonn sowohl ihre Mutter als auch ihre jüngste Schwester. Nach dem Tod ihres Mannes 1933 wurde Julie Sonn stille Teilhaberin des von ihrem Vater gegründeten Rohproduktenhandels. Ihr Schwager Theodor Neustadtl führte die Geschäfte allein weiter. Ihre beiden Söhne waren ausgezeichnete Schüler, Max studierte in Wien, er und Oskar wurden Handelsangestellte. Beide teilten die Begeisterung für den Zionismus. Während Max Sonn heiratete und 1926 nach Salzburg zog, blieb der jüngere Oskar ledig. Er wohnte bei seiner Mutter und soll sie sehr umsorgt haben.
Nach dem „Anschluss“ 1938 musste Julie Sonn ihr verpflichtendes Vermögensverzeichnis abgeben. Sie war einigermaßen vermögend, denn sie hatte Anteil am Gewinn des Geschäftes und besaß die Hälfte der Liegenschaft sowie der Mobilien. Nun mussten diese unter Zwang verkauft werden. Der „Ariseur“ und als Nationalsozialist bestens beleumundete Franz Pelz erschien in SA-Uniform, um den Druck zu erhöhen. Noch vor Abschluss des Verkaufs wurde Familie Sonn Mitte November nach Wien vertrieben. Man suchte bei Verwandten Unterschlupf, auch Max Sonn, der inzwischen in Dachau inhaftiert gewesen war, kam mit seiner Frau dort unter. Familie Sonn hatte großes Glück, Julie konnte mit beiden Söhnen und der Schwiegertochter im Dezember 1939 in die USA fliehen. Sie lebten alle in New York. Julie Sonn starb im April 1944, neun Monate bevor ihr einziges Enkelkind, Juliette, geboren wurde. Sie wurde auf einem jüdischen Friedhof in Bergen County, New Jersey, begraben. Ihre beiden Schwestern Berta Stern und Mathilde Neustadtl sowie ihr Schwager Theodor Neustadtl wurden Opfer der Shoah.
(Autorin: Verena Wagner)