Das Mitarbeiteralbum der Linzer Franck-Fabrik
Jede Linzerin und jeder Linzer kennt das heutige „Franckviertel“. Dass ein ganzer Stadtteil und dessen zentrale Straße nach einer Fabrik benannt wurden, zeigt bereits deren Bedeutung für die Linzer Stadtgeschichte. In einer Zeit, als Bohnenkaffee noch nicht für alle erschwinglich war und das enthaltene Koffein von Vielen noch skeptisch betrachtet wurde, war die Produktion von sogenanntem „Ersatzkaffee“ ein großes Geschäft. Dieser konnte aus unterschiedlichen Rohstoffen hergestellt sein: Eicheln, Kastanien, Gerste, Hafer etc. Für Linz am bedeutendsten ist der Ersatzkaffee aus Feigen und Zichorien. Die Firma Titze – die später von Franck übernommen wurde – stellte ab 1868 Feigenkaffee her; Franck setzte hingegen auf Zichorienkaffee.
Der von Vorname Franck 1879 gegründete Linzer Standort war ein Zweigbetrieb des Ursprungsbetriebes im deutschen Ludwigsburg. Motivation für den Aufbau einer Produktion in Linz war das Ende eines Zollvertrags zwischen Deutschland und dem Habsburgerreich. Man übernahm die bestehende stillgelegte Maschinenfabrik und Eisengießerei von Eduard Menter und baute sie in eine Produktionsanlage für Ersatzkaffee um. Im Verlauf der Jahrzehnte entstand durch immer weiteren Ausbau ein großes Firmengelände mit verschiedenen Produktionsanlagen und Lagerhäusern. Zum Gründungszeitpunkt befand sich dieses Gelände noch außerhalb der Stadt, in einem freien und zum Teil bewaldeten Gelände zwischen dem Krankenhaus, dem damaligen Südbahnhof und einer Bahnschleife, was ideal für den Transport war und auch andere Industriebetriebe anzog. Durch den Bau von Arbeiterwohnhäusern trug die Franck-Fabrik auch zur Besiedelung dieses Gebiets bei. Der durch sie verursachte Bedarf an Zichorien führte wiederum zu entsprechendem Anbau in Fabriksnähe und auf den Hummelhof- und Spallerhofgründen. Die Fabrik bot in der Folge auch vielen Frauen einen Arbeitsplatz, vor allem in der Paketierung.
Betrachtet man das Mitarbeiteralbum, fällt auf, dass von diesen Frauen darin nichts zu sehen ist. Aber sie sind nicht die einzigen „Fehlstellen“. Es stellt sich heraus, dass unter „Mitarbeiter“ hier nur die Angestellten verstanden wurden. Die Arbeiter*innen der Produktion finden darin keine Erwähnung. Somit erhält man nur Einblick in einen Teil des Franck-Personals, der aber trotzdem genug Interessantes bietet. Das hier präsentierte Album ist das erste von insgesamt sieben, wobei sich nur Nr. 1 und 7 im Besitz des Archivs befinden. Das Album verzeichnet die Ein- und Austritte der Angestellten von 1874 bis 1897, samt Angabe ihrer Herkunft und ihrer Tätigkeit innerhalb der Firma. Da der Linzer Standort erst 1879 gegründet wurde, erkennt man, dass Angestellte aus Deutschland hierher gewechselt sind. Beim Durchblättern des Albums zeigt sich einem eine vergangene Welt der Firmenverwaltung. Es finden sich darin Tätigkeiten, die aus heutiger Sicht kurios erscheinen, wie der „Dictator“. Dieser war trotz erster Assoziationen keine mächtige Führungsrolle, sondern bezeichnete eine Person, die für das Formulieren und Diktieren von Briefen zuständig war. Auffällig ist auch die hohe Anzahl an „Reisenden“ bei den Mitarbeitern. Sie zeigt, dass die Firma Franck von ihrem Linzer Standort aus den Vertrieb in der ganzen Habsburgermonarchie steuerte. Das Album deckt daher nicht nur das lokale Linzer Personal ab, sondern – wie auch der Albumdeckel zeigt – jenes der in der Folge gegründeten Tochterstandorte in Komotau (Chomutov), Pardubitz (Pardubice), Kaschau (Košice), Agram (Zagreb) und Bukarest. Die Herkunftsorte des Personals sind daher sehr international. Neben den unternehmensbezogenen Informationen liefert das Album aber auch ein eindrückliches Bild der Mode der damaligen Zeit, allen voran der Dominanz von Zwirbelschnurrbärten.
PDF mit Doppelseite des Albums in hoher Auflösung (PDF | 6,32 MB | Deutsch)
Wie kam das Album überhaupt in den Besitz des Archivs der Stadt Linz? Die österreichische Sparte der Firma Franck wurde im Verlauf der Zeit unabhängig vom deutschen Mutterkonzern. Im Jahr 1977 wurde sie schließlich von Nestlé übernommen. Nestlé führte den Linzer Standort – wenn auch mit anderer Produktausrichtung – weiter bis zum Jahr 2018. Als die Schließung des Standortes bekannt wurde, nahm der ehemalige Archivdirektor Walter Schuster Kontakt mit Nestlé auf und konnte das Unternehmen davon überzeugen, dem Archiv die noch vorhandenen historischen Archivalien der Franck-Fabrik zu übergeben. Hier bilden sie nun – neben der Tabakfabrik – den größten Firmennachlass. In der Folge veröffentlichte Walter Schuster auch das Buch „Aecht Franck – Biographie einer Firma“.
Link zur Publikation: Aecht Franck – Biographie einer Firma

Ausschnitt einer Seite des Mitarbeiteralbums.

Der „Dictator“ Gustav Burghardt und der „Reisende“ Robert Kessler.

Die Standorte des Unternehmens Franck. (Zeichnung: Helmut Lackner, Fabriken in der Stadt, S. 336).

Die Franck-Fabrik um 1890 in einem Gemälde von Unbekannt. Im Vordergrund sieht man die Zichorienernte.

Die Franck-Fabrik auf einem Gemälde von Ferdinand Weeser-Krell aus dem Jahr 1929.

Die Franck-Fabrik um 1960.

Ausschnitt aus einem Stadtplan um 1890 mit der Franck-Fabrik im damals noch wenig verbauten Gebiet.

Das 1894/95 erbaute ehemalige Verwaltungsgebäude der Franck-Fabrik am Europaplatz 4.