Das Zunftbuch der Linzer Goldschmiede, 1664–1773
Hierinnen seind zu finden eineß ehrsamben Handtwerckhs der Goldschmid alhier in Lintz ordentliche Articul oder Handwerckhs Gewonheitten, auch die einverleibten Mittmaister und waß sonsten durch ein ehrsambß Handwerckh[…]ellig gehandelt unnd geschlossen worden.
Mit diesem Titel ist ein Objekt der Wirtschaftsgeschichte der Stadt Linz versehen, das Zunftbuch der Linzer Goldschmiede, das von 1664 bis 1773 geführt wurde. Zünfte waren in der Frühen Neuzeit die Form, in der sich städtisches Handwerk organisierte. Wer ein bestimmtes Handwerk ausüben wollte, der musste Mitglied der Zunft sein. Diese regulierte damit nicht nur die Anzahl der Handwerker, sondern setzte auch Preise fest, sorgte für Qualitätsstandards und wehrte – zum Vorteil ihrer Mitglieder – Konkurrenz von außen ab.
Ordentliche Articul und Puncten, welche von einem ehrsamben Handtwerckhche Goldtschmidt alhier in Linz aufgericht, gehalten unnd festiglich gehandhabet werden sollen.
Das Buch beginnt mit dem internen Regelwerk der Goldschmiedezunft. Die erste Regel betrifft dabei den von ihr jährlich abgehaltenen Gottesdienst, für den jedes Zunftmitglied einen finanziellen Beitrag zu leisten hatte. Dass dieser Punkt an erster Stelle steht, zeigt gut den Stellenwert, den die Religion damals noch in der Gesellschaft hatte.
Es folgen viele weitere Regeln, wie dass ein Geselle zuerst zwei bis drei Jahre bei Meistern lernen musste, bevor er selbst einer werden konnte. Gleichzeitig musste ein angehender Meister nachweislich von ehelicher Geburt sein. Es wurden die jährlichen Zunftgebühren definiert, welche Meisterstücke anzufertigen waren, und dass Lehrjungen sechs Jahre Ausbildung brauchten, um Gesellen zu werden. Alle hergestellten Stücke sollten von der Zunft begutachtet und mit dem Stadtzeichen sowie dem Zeichen des Handwerkers versehen werden. Es gab Bestimmungen für den Handel mit bzw. Ankauf von Silber, wie auch für die Herstellung von Petschaften, also Siegelstempeln, bei denen man sich vergewissern musste, dass der Auftraggeber die Berechtigung hatte, dieses Siegel zu führen, und er es also nicht für Betrügereien nutzen wollte. Ebenso gab es Bestimmungen, die dem Ankauf von „verdächtigen“ Gegenständen, also etwa Raubgut entgegenwirken sollte, besonders kirchlichen Objekten, und auch das Vergolden von Münzen war den Goldschmieden verboten. Bei der Vergoldung von Kupferbechern mussten die Goldschmiede eine Stelle frei lassen, so dass auch Laien sehen konnten, dass es ein Kupferbecher war.
Am Schluss standen die Regeln für Gesellen. Diese mussten etwa Verdächtiges oder faule andere Gesellen an ihren Meister melden, waren gleichzeitig aber verpflichtet, Betrügereien ihres eigenen Meisters an die Zunft zu melden, wollten sie selbst Strafe vermeiden. Gleichzeitig wurden Regeln erlassen, die verhindern sollten, das Gesellen für andere Meister tätig werden bzw. von diesen abgeworben werden.
Die Handwerksordnung der Goldschmiede: (PDF | 2,64 MB | Deutsch)
Nach der Definition der Handwerksordnung folgen im Buch mehrere verschiedene Bereiche. Zum einen ein Protokoll der im Verlauf der Jahrzehnte aufgenommenen neuen Meister, zum anderen eine Dokumentation von Entscheidungen in Streitfällen (mit allerdings nur einem Eintrag). Den Schluss bildet eine Liste der Einnahmen und Ausgaben der Zunft.
Der Einband
Wer den Einband betrachtet, wird sich vielleicht darüber wundern, was die beiden Spalten mit Text darauf bedeuten sollen, besonders, wenn man erkennt, dass sie Latein sind. Es handelt sich hierbei um einen sogenannten Fragmenteinband. Als Fragment wird eine einzelne lose Pergamentseite einer Handschrift bezeichnet, also eines mit der Hand geschrieben Buches, wie es bis zur Erfindung des Buchdrucks die Norm war. Fragmente entstanden in den meisten Fällen dadurch, dass man die Bindung von Handschriften, die nicht mehr gebraucht wurden, auflöste und die einzelnen Seiten weiterverwendete. Der häufigste Grund für die Zerstörung der Handschriften war schlicht, dass es inzwischen neue, gedruckte Versionen der Texte gab, die man bevorzugte. Da Pergament ein hochwertiges und robustes Material ist, eignet es sich gut für Einbände und wurde auf diese Weise weiterverwendet.
Die Vorder- und Rückseite des Einbandes in hoher Auflösung: (PDF | 856 KB | Deutsch)
Rund um die Fragmente hat sich ein eigener Forschungsbereich gebildet, der versucht, mehr über sie herauszufinden bzw. möglichst viele verschiedenen Blätter einer interessanten Handschrift wieder zusammenzufinden. Mitunter entdeckt man in Fragmenten auch unbekannte bzw. verloren geglaubte Texte, die sonst auf keine andere Weise überliefert sind. Wir haben dieses konkrete Fragment von Expert*innen bestimmen lassen. Es handelt sich dabei um ein Brevier aus dem 15. Jahrhundert. Ein Brevier ist ein Stundenbuch eines Klerikers, in dem verschiedene Gebete aufgeschrieben waren, die er zu den fixen Betzeiten eines Tages beten konnte. Dass es ein Brevier ist, lässt sich anhand des Texts erkennen. Dass es aus dem 15. Jahrhundert ist, zeigt uns die Schrift mit ihren für diese Zeit typischen Formen. Diese historische Hilfswissenschaft, die sich mit Schriftformen und deren Entwicklung beschäftigt, nennt sich Paläographie. Expert*innen können Schriftdokumente damit zu unterschiedlichen Graden zeitlich und örtlich lokalisieren, bis hin zu bestimmten Skriptorien, also Schreibstuben, oder auch individuellen Schreibern und bis zu einer Datierungsgenauigkeit von ca. 25 Jahren. In unserem Fall hier haben die Expert*innen etwa anhand der Schrift neben dem Jahrhundert auch gleich festgestellt, dass diese Handschrift nicht in Österreich, sondern in Frankreich geschrieben wurde.
So hübsch es anzusehen ist, ist dieses Fragment hier nichts Besonderes und für die Forschung eher uninteressant. Der historische Wert des durch diesen Einband geschützten Buches ist ungleich höher.

Die Liste der Meister der Goldschmiede beginnt schon 1594, mit Hanns Pfaffenberger als ersten Eintrag.

Der einzige verzeichnete Streitfall betraf einen nicht ausgestellten Lehrbrief.

Die ersten Ausgaben der Zunft betrafen u.a. Kopien der Handwerksordnung.

Auf der Rückseite des Einbands ist durch den Wechsel der Schrift erkennbar, dass ein Nachtrag angefügt wurde.