Verfolgt, verurteilt, vergessen?
Als homosexuell Angeklagte in den Linzer Gerichtsakten 1938–1945
Linzer Stadtsenat beauftragte das Archiv der Stadt Linz 2023 mit der Aufarbeitung der Verfolgung von Personen wegen Homosexualität in der NS-Zeit. Gemeinsam mit Expert*innen unterschiedlicher Fachrichtungen wurde die nun vorliegende Publikation erarbeitet. Ihre zehn Beiträge einschließlich eines Interviews behandeln die Verfolgung homosexueller Menschen aus rechtshistorischer, gesellschaftlicher und biografischer Perspektive. Neben den Strukturen staatlicher Repression stehen insbesondere die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen im Mittelpunkt.
Verfolgt, verurteilt, vergessen? - Als homosexuell Angeklagte in den Linzer Gerichtsakten 1938–1945
Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 2025/2026
Preis: € 29 (exklusive Postversand)
Jetzt per E-Mail bestellen
Zur Publikation "Verfolgt, verurteilt, vergessen?"
Herausgeber*innen: Cornelia Daurer, Johannes Kaska
ISBN 978-3-900388-67-6
Linz 2026, 276 Seiten, illustriert
Erhältlich im Buchhandel oder beim Archiv der Stadt Linz.
Forschungslücke
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit gehört seit Jahrzehnten zu den zentralen Aufgaben des Archivs der Stadt Linz. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete die 2001 erschienene zweibändige Publikation „Nationalsozialismus in Linz“. Sie untersuchte zahlreiche Aspekte der nationalsozialistischen Herrschaft und ihrer Auswirkungen auf die Stadtgesellschaft. Die Verfolgung homosexueller Menschen fand darin allerdings keinen eigenständigen Platz. Mit dem neuen Sammelband greift das Stadtarchiv diese Forschungslücke auf. Die Publikation untersucht erstmals in dieser Breite die Verfolgung von Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Homosexualität durch die Linzer Justiz während der NS-Zeit. Sie verbindet die rechtlichen und gesellschaftlichen Grundlagen mit Untersuchungen der konkreten Verfolgungspraxis.
Gerichtsakten dokumentieren die systematische Verfolgung
Die wissenschaftliche Grundlage des Forschungsprojekts bilden insbesondere Gerichtsakten aus den Jahren 1938 bis 1945, die im Oberösterreichischen Landesarchiv aufbewahrt werden. Sie dokumentieren Ermittlungen, Anklagen und gerichtliche Entscheidungen gegen Menschen, denen gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen vorgeworfen wurden. Für die Untersuchung wurden die erhaltenen relevanten Unterlagen in einer eigens aufgebauten Datenbank erfasst. Diese ermöglicht sowohl statistische Auswertungen als auch gezielte Untersuchungen einzelner Verfahren.
Einzelschicksale geben Einblick in die Verfolgungspraxis
Besondere Aufmerksamkeit widmet der Sammelband den konkreten Auswirkungen der strafrechtlichen Verfolgung auf das Leben der betroffenen Menschen. Mehrere Beiträge untersuchen einzelne Verfahren und gesellschaftliche Situationen, die Einblicke in die Lebensrealitäten homosexueller Menschen während des Nationalsozialismus ermöglichen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Verfolgung homosexueller Frauen. Das österreichische Strafgesetzbuch erfasste im Unterschied zur damaligen deutschen Rechtslage auch gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Frauen. Damit konnten Frauen in Österreich während der nationalsozialistischen Herrschaft aufgrund ihrer Homosexualität strafrechtlich verfolgt werden.
Die unterschiedlichen Fallstudien zeigen, wie vielfältig die Ausgangspunkte staatlicher Verfolgung waren. Persönliche Begegnungen, Anzeigen, Denunziationen und politische Interessen konnten dazu führen, dass Menschen ins Visier der Justiz gerieten.
Von der NS-Justiz bis zum Konzentrationslager
Bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme verzeichnete Österreich im europäischen Vergleich eine besonders intensive gerichtliche Verfolgung homosexueller Menschen. Während der nationalsozialistischen Herrschaft verschärfte sich die Verfolgung erheblich. Neben gerichtlichen Verurteilungen drohten den Betroffenen weitere Formen staatlicher Repression. Dazu gehörte die Einweisung in Konzentrationslager. Homosexuelle Männer, die in Konzentrationslagern dieser Häftlingskategorie zugeordnet wurden, mussten den rosa Winkel als Kennzeichnung tragen. Sie waren schweren Misshandlungen und lebensbedrohlichen Haftbedingungen ausgesetzt. Für viele endete die Verfolgung tödlich.
Die Verfolgung setzte sich nach 1945 fort
Mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft 1945 endete die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Menschen in Österreich nicht. Die bereits 1852 eingeführte Bestimmung des § 129 Ib StG blieb auch in der Zweiten Republik in Kraft. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen waren weiterhin strafbar. Die gerichtliche Verfolgung intensivierte sich nach dem Krieg. Auch Menschen, die bereits während des Nationalsozialismus aufgrund ihrer Homosexualität verfolgt worden waren, mussten weiterhin mit gesellschaftlicher Ausgrenzung und Stigmatisierung leben. Die ausdrückliche Anerkennung homosexueller Menschen als Opfer des Nationalsozialismus im österreichischen Opferfürsorgegesetz erfolgte erst 2005.
Einzelbeiträge
- Hannes Sulzenbacher: Die Erinnerung an die nationalsozialistische Homosexuellen-Verfolgung in Linz
- Elisabeth Greif: Gebrochene Kontinuitäten: Die Strafbarkeit der gleichgeschlechtlichen Unzucht in Österreich vor, während und nach der NS-Herrschaft
- Thomas Buchner: Die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität in Linz und Oberösterreich (1938–1945). Ausmaß – Betroffene – Konsequenzen
- Natascha Bobrowsky: Verfahren nach § 129 Ib StG gegen Frauen. Landesgericht Linz 1938–1945
- Gerhard Obermüller Die gerichtliche Verfolgung der Barmherzigen Brüder als Homosexuelle durch die Nationalsozialisten
- Elisa Frei: Zum Forschungsstand der queeren Lagergeschichte des KZ-Komplexes Mauthausen
- Thomas Buchner: Cruisen in Linz. Die öffentliche Toilette an der Promenade als Ort homosexueller Kontakte
- Cornelia Daurer: „Männlicher Partner aus guter Familie […] gesucht“. Kontaktanbahnung am Beispiel Heinrich N.
- Maria Altrichter: Fremdarbeiter und Homosexualität: Fallbeispiele aus Linz
- Christian Reiter: Interview mit Ernst Strohmeyer